Sintra, Glorious Eden

Sempre gostara muito de Sintra! Logo ao entrar, os arvoredos escuros e murmurosos do Ramalhão lhe davam uma melancolia feliz! (Eça de Queiroz)

... auf der Straße nach Sintra, immer näher an Sintra, auf der Straße nach Sintra, immer ferner mir selbst (Fernando Pessoa)

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Notizen aus Sintra

Das Kasino von Sintra - Vorgeschichte

Von: K.P. am 29. April 2008

Sintra | Stadtentwicklung Archiv

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wollten einige Männer der Stadt Sintra ein neues Gesicht verpassen. Das Unternehmen ist mehr oder weniger gescheitert, was bleibt, ist eine leichte Irritation.

Schaut man sich die Umgebung an, erscheint das Gebäude fehl am Platze. Ein paar Meter noch, dann beginnt die Fußgängerzone mit kleinen Geschäften, einem Supermarkt, Cafés und Restaurants, auf der anderen Straßenseite wird der Wochenmarkt abgehalten, am Kreisverkehr verlässt man Sintra in Richtung Colares, Lourel oder Mafra.

Was also macht dieses mehr als achtzig Jahre alte Gebäude mit klassizistischer Fassade, heute ein Museum für moderne Kunst, an der Peripherie der Stadt, noch ein ganzes Stück entfernt vom historischen Zentrum?

Das Sintra Museu de Arte Moderna war einmal ein Kasino – und dieses Kasino war als die Attraktion eines neuen Sintras geplant.

In der Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen lagen zu Füßen der Burg der Nationalpalast, die Hotels, legendäre wie das Lawrence's und neuere wie Central und Confiança, Costa, Garcia, Netto und Nunes, das Tivoli Sintra Hotel ist eine Bausünde der frühen achtziger Jahre, historische Gebäude und Kirchen.

Doch mit dem Kasino sollte ein Schlussstrich unter das romantische Sintra gesetzt werden, der Garten Eden, den Lord Byron, der englische Dichter, hier gefunden zu haben dachte, hatte seine Reize verloren und sich zu Beginn der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts als schwer verkäuflich erwiesen. Denn Sintra ist nicht, wie manche Prospekte und Reiseführer verkünden, die Stadt der Könige. Die politische Lage war schon immer verzwickter als das Sintra bloß die Bühne der portugiesischen Monarchie gewesen wäre. Und Anfang des 20. Jahrhunderts war der Zauber gekrönter Häupter längst verflogen; Portugal ist das erste europäische Land, in dem die Republik ausgerufen wurde. Nicht auf längst mythische Geschichte, sondern auf Spaß und Vergnügen sollte jetzt gesetzt werden. Álvaro de Campos, der ein paar Jahre nach Eröffnung des Kasinos mit seinem geliehenen Chevrolet nach Sintra fährt, gibt das neue Tempo vor, obwohl auch er sich von seinen Träumereien kaum lösen kann.

Und geträumt wird in Sintra. Der Legende fand 1578 vor dem Aufbruch nach Alcácer-Quibir ein Treffen zwischen dem von Symptomen der Melancholie gezeichneten König Dom Sebastião I. und Luís Vaz de Camões statt, der in diesem Szenario zu Füßen des Monarchen kniend seine Lusiaden vortrug. Die Schlacht im nördlichen Afrika besiegelte das Ende des portugiesischen Imperiums. Das weit überlegene Heer des Sultans Muley Abd-el Malik schlug im Sommer 1578 die Portugiesen vernichtend. Der König wurde in der Schlacht getötet, doch blieb sein Leichnam auf dem Schlachtfeld verschollen und geistert seitdem durch die politischen Träume seiner Landsleute.

Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das romantische Sintra entdeckt und gebaut, zunächst lyrisch vom englischen Dichter Lord Byron, dann mit Pomp und als Operettenbühne vom deutschen König Dom Fernando von Sachsen-Coburg und Gotha, der resigniert eine verschwenderische Kunst der Politik vorgezogen hatte. Dass der Vertrag von Sintra gar nicht in Sintra, sondern am 30. August 1808 in Torres Vedras unterzeichnet wurde, zeigt auch, dass große Politik in der Stadt schon lange nicht mehr gemacht wurde. Sintra gedieh und wuchs abseits der bürgerlich-republikanischen Politik. Das Schloss von Pena auf einem Gipfel der Serra de Sintra ist das Resultat einer ästhetischen Mobilisierung aller möglichen Stilwelten; weniger dramatische, aber genau so eindrückliche Zeugnisse für die Romantisierung Sintras sind der Palast und Park von Monserrate sowie die Quinta da Regaleira.

Byron war aus Lissabon nach Sintra geflohen, weil er den Dreck der Hauptstadt nicht mehr aushalten konnte:

Zum Ausgleich ist das Städtchen Cintra, ungefähr fünfzehn Meilen von der Hauptstadt entfernt, das vielleicht entzückendste in Europa, es enthält Schönheiten aller Art, natürliche und künstliche, Paläste und Gärten, die sich inmitten von Felsen, Katarakten und Abgründen erheben.

Doch jetzt wurde der Exodus aus dem romantischen Sintra geplant.

Mit der Bahn schließlich kam auch in Sintra der technische Fortschritt mit all seinen bürgerlichen Verheißungen an. Estefânia, das ist das Viertel, mit dem Sintra am Beginn des 20. Jahrhunderts seine alten Grenzen sprengt und zu wachsen beginnt.

Wenn die Altstadt schon nicht abgerissen werden kann, wollte man sie doch wenigstens verlassen. Die Monarchie war zu Ende, Portugal laizistisch und republikanisch geworden. Sintra hatte seinen Ruf als aristokratische Sommerfrische verloren, die gekrönten Häupter und ihre Entourage waren von der Bildfläche verschwunden. Der neue Geist war liberal gesonnen. Jetzt sollte bürgerlich pragmatisch und funktional gedacht und gebaut werden, vom eklektizistischen Historizmus von Pena, der alle Stile der Kunstgeschichte versammelt, sofern sie nur luxuriös und und teuer genug sind, wandte man sich mit Grausen ab. Das Stadtbild sollte neu gezeichnet und neu definiert werden, was Zentrum und was Peripherie ist. Aus der Nebelwelt der Serra de Sintra sollte ein so komfortabler wie luxuriöser Kurort entstehen, und ein Kasino war geradezu das Gegenteil moosbewachsener Gemäuer, mächtiger schmiedeeiserner Tore, versteckter Landgüter, kolonialer Relikte, nebliger Morgen und feuchter Abende.

Zuletzt geändert am 29.04.2008 10:36:55 von K.P.

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Camões Dom Sebastião I. Estefânia Kasino Lord Byron Museu de Arte Moderna Romantik .

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