Sintra, Glorious Eden

Sempre gostara muito de Sintra! Logo ao entrar, os arvoredos escuros e murmurosos do Ramalhão lhe davam uma melancolia feliz! (Eça de Queiroz)

... auf der Straße nach Sintra, immer näher an Sintra, auf der Straße nach Sintra, immer ferner mir selbst (Fernando Pessoa)

Sie sind hier: Sintra Notizen aus Sintra Der Streit um Seteais - ein bürgerliches Argument für das Gemeingut

Notizen aus Sintra

Der Streit um Seteais - ein bürgerliches Argument für das Gemeingut

Von: K.P. am 25. September 2008

Sintra | Stadtentwicklung Archiv

Im Streit um die öffentliche Zugänglichkeit von Seteais bringen die Bürger der Stadt Sintra anfangs des 19. Jahrhunderts gegen die Ansprüche des Marquês de Marialva ein Argument vor, dessen Kraft heute fast vergessen ist.

Seteais, das Feld, sei keineswegs nur brach liegendes Ackerland, sondern einst künstlich angelegt worden: ein „monumento e Artefacto antigo terraplanado artificialmente“. Der Stadtrat sah also im Gegensatz zu dem Aristokraten in dem Feld kein natürliches Objekt, das künstlerischer Gestaltung und Verschönerung bedarf, sondern ein bereits historisches Werk zivilisatorischer Anstrengungen, das als Gemeingut nicht privatisiert werden könne.

Die Präsenz dieser geschichtlichen Kräfte legitimiert den gemeinschaftlichen, den öffentlichen Besitz des Feldes. Die Bürger der Stadt versuchen also durch historische Konstruktion die aristokratische Landnahme zu delegitimieren. Dieses Stück Land, sagen sie, gehört uns, weil es Kunst ist (und nicht Natur) und seit langer Zeit von Menschen ins Werk gesetzt, genutzt und gepflegt wurde. Die lange und anonyme Zivilisationsgeschichte soll vor dem aristokratischen Übergriff schützen, der ein Stück geschichtsloser Natur in seinem Namen meint kultivieren zu dürfen. Der öffentliche Besitz ist also nicht eins mit Geschichts- und Kulturlosigkeit; auch die anonymen Mächte der Geschichte können ein Stück Land prägen, nicht allein aristokratische Familiengeschichte. Von diesem Argument zur Demokratisierung von Privatbesitz ist es nur ein Schritt ...

Um so erstaunlicher, wie hilflos gegenwärtig die Stadt und ihre Bürger, und das nicht nur in Sintra, der (Re-)Privatisierung öffentlichen Eigentums zusehen oder sie gar befördern.

Vermutlich lässt sich der Sachverhalt aber so erklären: das Bürgertum zu Beginn des 19. Jahrhunderts sah sich als Erbe antiker Geschichte, der Phönizier, Griechen, Römer, Goten und Araber. Das Bürgertum bildet sich geistig überhaupt erst durch die Erinnerung dieses Vermächtnisses. Wenn der Bürger diese Erinnerung nicht mehr für denkwürdig hält und seinen Wert nach Besitz, Karrieren und Macht bemisst, hat er sich selbst aufgegeben und ist zum ökonomischen Faktor geworden. Und man wird nicht behaupten können, dass von linker Seite noch versucht wird, das verschleuderte (und vergessene) Erbe zu retten.

Am Ende der europäischen Geschichte, im Posthistoire, gerät unsere (Vor-)Geschichte allmählich in Vergessenheit; zitiert wird sie nur, wo sie zur modischen Staffage, zur Simulation eines historischen Bewusstseins dienen kann. Und diese Fragmente aus dem Steinbruch der Geschichte sind durch kein emanzipatorisches Interesse, sondern einzig vom Willen zur historischen Phantasmagorie geprägt, zum Karneval der Kulturen.

Zuletzt geändert am 25.09.2008 11:30:13 von K.P.

Sie können auf diese Quelle mit einem TrackBack verweisen.

Unter den folgenden Schlagworten finden Sie weitere Informationen zu diesem Thema:
Marquês de Marialva Seteais .

Teilen Sie diesen Artikel anderen mit:

  • del.icio.us
  • Digg
  • Furl
  • Google bookmarks
  • Ma.gnolia
  • Mr Wong
  • Reddit
  • StumbleUpon
  • Technorati
  • Windows Live
  • Yahoo MyWeb

Kommentare

Als registriertes Mitglied können Sie einen Kommentar zu diesem Beitrag verfassen.

Noch keine Kommentare vorhanden.

Voriger Artikel Nächster Artikel

Stadtführungen und Wanderungen durch Sintra

Wenn Sie an einer Wanderung durch die Serra de Sintra oder einer individuellen Stadtführung durch Sintra interessiert sind, benutzen Sie bitte das Kontaktformular.

Werbung

Neue Kommentare

  • Test in Test von K.P. am  27. April 2008 um 02:01 PM

Stadtführung Lissabon

Sie wollen Lissabon auf individuelle Weise kennenlernen? Dann besuchen Sie Stadtführungen durch Lissabon.

Aktionen

Das Kasino von Sintra

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wollten einige Männer der Stadt Sintra ein neues Gesicht verpassen. Das Unternehmen ist mehr oder weniger gescheitert, was bleibt, ist eine leichte Irritation. Notizen zur Geschichte des Kasinos. [ Mehr ... ]

Wein aus Colares

Westlich von Lissabon, zwischen der Serra de Sintra und dem Atlantik liegt eines der kleinsten, aber auch eines der berühmtesten Weinbaugebiete Portugals. Notizen zu seiner Geschichte. [ Mehr ... ]

© Copyright 2008 Dr. Karsten Poppe