Sempre gostara muito de Sintra! Logo ao entrar, os arvoredos escuros e murmurosos do Ramalhão lhe davam uma melancolia feliz! (Eça de Queiroz)
... auf der Straße nach Sintra, immer näher an Sintra, auf der Straße nach Sintra, immer ferner mir selbst (Fernando Pessoa)
Sie sind hier: Sintra Notizen aus Sintra Europa kommt aus Phönizien
Am Anfang stehen bekanntlich Gewalt und Verführung. Europa ist ein Entführungsfall, der Übergang von einer Welt in eine andere.
Schauplatz dieses Übergang ist auch die portugiesische Atlantikküste, ist doch Lissabon, Ort der passage par excellence, aller Wahrscheinlichkeit nach (auch) eine phönizische Gründung. Das Cabo da Roca und die Serra de Sintra passierten die phönizischen Händler auf ihrem Weg zu den Britischen Inseln.
(Dazu mehr in meiner Geschichte Lissabons.)
Als Zeus die phönizische Königstochter Europa am offenen Meeresstrand von Tyros spielen sah, wurde sein Verlangen nach ihr sofort geweckt. Er verwandelte sich in einen herrlichen weißen Stier mit Mondsichelhörnern und begab sich an den Strand, wo er sich der am Meer stehenden Europa zu Füßen legte. Jean-Pierre Vernant, der große französische Althistoriker, erzählt diese europäische Urszene so:
Europa, die das wunderbare Tier zunächst ein wenig verängstigt, kommt allmählich näher: Das Verhalten des Stiers gibt ihr allen Grund, beruhigt zu sein. Sie streichelt ihm ein wenig den Kopf und tätschelt ihm die Flanken. Da er sich nicht rührt und ihr ein wenig den Kopf zudreht, gerade so weit, daß er nicht ihre weiße Haut ableckt, setzt sie sich auf seinen breiten Rücken und nimmt seine Hörner in ihre Hände. Ehe sie sich versieht, hat sich der Stier auch schon emporgeschwungen, ist ins Wasser gesprungen und hat das Meer überquert. (Vernant: Griechische Mythen, S.159)
Aus dem offenen phönizischen Raum wird Europa in Kreta eingeschlossen. Denn auf Kreta vereinte sich der Götterkönig mit der phönizischen Prinzessin und setzte sie auf der Insel fest, die so zur Wiege der europäischen Kultur werden konnte. Ihre Söhne Rhadamanthys und Minos wurden Herrscher von Kreta. Darüber aber, dass kein Fremder die Insel betrat, wachte auf seinen täglichen Runden der bronzene Riese Talos. Er machte aus Kreta eine vom Rest der Welt isolierte Festung; keiner durfte die Insel betreten, niemand sie verlassen.
Aber der Wächter ist verwundbar: an seiner Ferse war eine Vene mit einer Art Schlüssel versehen. Öffnete man diesen Riegel, verströmte seine gesamte metallurgische Kraft
(Vernant). Medea soll während der Expedition der Argonauten mit magischen Kräften diesen Schlüssel herumgedreht haben. Oder aber Herakles hat später Talos an der Ferse mit einem Pfeilschuss getroffen und getötet. Und Herakles war es ja auch, der den Stier des Minos tötete und so den Inselraum Kretas wieder öffnete, dass die Geschichte Europas beginnen konnte.
Agenor, Vater der Prinzessin Europa, König von Tyros oder Sydon, schickte seine Söhne und Töchter auf die Suche nach der entführten Europa. Sie sollte nicht heimkehren, bevor sie ihre Schwester gefunden hatten. Die Familie verlässt nun den Ort ihrer Geburt und Herkunft, das phönizische Königreich, und streift durch die ganze Welt. Wo sie ihre Wanderungen unterbrechen, gründen Töchter und Söhne Agenors eine ganze Reihe von Städten.
Und so gelangte auch Kadmos mit seiner Mutter Telephassa nach Thrakien. Der Emigrant begab sich nach Delphi und das Orakel wies ihn an, dass seine Wanderungen ein Ende nehmen müssten, er solle sich niederlassen, denn seine Schwester könne er niemals finden. Dass Europa auf Kreta wie in Gefangenschaft sitzt, weiß das Orakel, aber verrät es nicht.
Jean-Pierre Vernant übersetzt die Weisung des Orakels so:
Suche nach einer Kuh mit einem mondförmigen Flecken auf der Flanke und folge ihr auf ihren Wanderungen. Auch der wandernde Stier, der Europa entführte, ist seßhaft geworden. So folge du der Kuh und bleib' in ihrer Spur bis zu dem Tag, an dem sie sich hinlegen und nicht wieder aufstehen wird, dort gründe eine Stadt und finde deine Wurzeln wieder, du Kadmos, Mann aus Tyros.
In der Tat stößt Kadmos auf eine besonders schöne Kuh, deren mondförmige Flecken ihr Schicksal verraten.
Ein Rinderhirt der Urzeiten, auf den Spuren einer Kuh, die doch keine gewöhnliche Kuh ist, sondern die Braut eines Gottes, und die das Zeichen des Mondes trägt: so naht uns vom Osten her die Gestalt des Kadmos. (Kerényi, II, S. 30)
Und so zieht Kadmos als Hirte durch Griechenland. In Böotien hält die Kuh auf einer Weide und Kadmos erkennt die Stätte, an der er, ein Fremdling, aus Asien, ein Mann aus dem Nahen Osten, ein Phönizier, seine Stadt zu gründen hatte, das zukünftige Theben, in dessen Burg Kadmeia der Stiersohn Dionysos geboren werden sollte.
(Kadmos selbst, der Heros aus Theben, gehört einem Geschlecht an, dass aus der Stierhochzeit des Zeus mit der kuhgestaltigen Io hervorgegangen ist.)
Das phönizische Europa, so erzählen die Mythen, kann als Gründung von Rinderhirten (denn nicht in Gestalt von Kriegern fiel die Sippe Agenors in Griechenland ein) verstanden werden, die sesshaft werden und Städte gründen.
Zuletzt geändert am 28.08.2008 9:43:52 von K.P.
Sie können auf diese Quelle mit einem TrackBack verweisen.
Unter den folgenden Schlagworten finden Sie weitere Informationen zu diesem Thema:
Europa
Kadmos
Mythologie
Phönizien
Rinderland
Stier
.
Als registriertes Mitglied können Sie einen Kommentar zu diesem Beitrag verfassen.
Noch keine Kommentare vorhanden.
Wenn Sie an einer Wanderung durch die Serra de Sintra oder einer individuellen Stadtführung durch Sintra interessiert sind, benutzen Sie bitte das Kontaktformular.
Sie wollen Lissabon auf individuelle Weise kennenlernen? Dann besuchen Sie Stadtführungen durch Lissabon.
Wenn Sie sich für Sintra interessieren - auf dieser Website finden Sie eine bunt gemischte Sammlung aus persönlichen und mehr oder weniger aktuellen Notizen, Informationen und längeren Texten über Sintra. [Editorial]
Neue Schlagzeilen anderer Website über Sintra.
In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wollten einige Männer der Stadt Sintra ein neues Gesicht verpassen. Das Unternehmen ist mehr oder weniger gescheitert, was bleibt, ist eine leichte Irritation. Notizen zur Geschichte des Kasinos. [ Mehr ... ]
Westlich von Lissabon, zwischen der Serra de Sintra und dem Atlantik liegt eines der kleinsten, aber auch eines der berühmtesten Weinbaugebiete Portugals. Notizen zu seiner Geschichte. [ Mehr ... ]
© Copyright 2008 Dr. Karsten Poppe