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Notizen aus Sintra

Herakles

Von: K.P. am 02. September 2008

Sintra | Kultur Archiv

In Griechenland war Herakles mit den Äpfeln der Hesperiden als Siegeszeichen der soter, der Retter und Heiland, in der römischen Tradition der Hercules Victor.

Aber was war nun der Verdienst des Helden?

Wie Kadmos, dessen Schwester Europa vom stiergestaltigen Zeus nach Kreta entführt wurde, sich auf die Suche nach einer Kuh mit einem mondförmigen Flecken auf der Flanke macht und ihr bis nach Böotien folgt, um schließlich Theben zu gründen, wird Herkles von einer Bremse angestachelt, eine Rinderherde durch ganz Europa zu treiben und Rinderland zu stiften.

Die europäische Mythologie kreist ganz offensichtlich um Rinder und Kühe und trifft damit ein reales Moment der Zivilisationsgeschichte. Kein Wunder, dass Vergil geschwärmt hat: Ölbäume grünen am Hang und fröhlich weiden die Rinder. Und dass sie da weiden, dass ist das Werk des Herakles.

(Herakles hat die kretische Gefangenschaft Europas beendet, indem er Talos, den bronzenen Wächter der Insel durch einen Pfeilschuss tötete. (So erzählt Vernant, leider ohne Quellenangabe, Kerényi kennt die Geschicht nicht.))

Gegen den Widerstand der Götter überschreitet Herakles die Grenzen der bekannten und von Menschen bewohnten Welt und zieht durch alle Länder der bewohnten Welt. Wie kaum ein anderer Heros bricht Herakles aus den ursprungsmythologischen Orten aus und sprengt die von den Göttern gesetzten Grenzen und Dimensionen. An keinen Ort gebunden ist der Held, wenn er der Hirschkuh der Artemis nachjagt und den Kult der Göttin verbreitet. Auf seiner Eroberung des Raums wagt Herkules die Fahrt von Pylos nach Westen und steigt hinab in die Unterwelt. Seine Stationen markieren die ganze europäische Landkarte: er zieht nach Spanien, Gallien, Britannien, in das südliche Italien und zu den Skythen am Schwarzen Meer.

Auf seinem Zug macht Herakles die Erde für bestimmte Formen der Lebensfristung urbar. Er bewegt sich in der Sphäre der Jagd, öffnet mit dem der Raub der Rinder des Geryoneus die Sphäre der Viehzucht und betritt am Tritonsee in Nordafrika, um die Äpfel der Hesperiden zu besorgen, die Sphäre des Gartenbaus.

Herakles ist der, der den Stier des Minos (und die Vorherrschaft Kretas) bezwingt, die Herrschaft des Augias über dessen im eigenen Mist versinkende Rinder bricht, die Rinder des Geryoneus auf der Todesinsel Erytheia raubt.

(Mit Herakles ist deswegen auch die Hoffnung auf ein Leben nach Tod verbunden, auf Wiederauferstehung. Ein Totenreich ist Erytheia ja deswegen, weil der doppelköpfige Höllenhund Orthos als Wächter der Rinderherden dient.)

Mit den Rindern zieht Herkules quer durch Europa und und stiftet Rinderland. Ihm entspringt ein Kälbchen, das er in einer Gegend findet, die seitdem Vitalia oder Vitellia genannt wird, Rinderland; mit dieser mythologischen Ethymologie hängt Italien direkt zusammen.

Er taucht überall da auf, wo in der Antike Rinderzucht betrieben wurde, ähnlich wie sich der Kult des Dionysos mit dem Weinbau verbreitet. Dem Heros werden Tempel und Altäre geweiht, weil seine Arbeit war, die Welt derart zu zivilisieren, bewohnbar und fruchtbar zu machen, dass die Menschen in den großen Städten nun von den Herden leben konnten.

immer wieder wird er Hochzeit halten, immer wieder wird er um das rituelle Schlachten von Rindern zentrierte Kulte einrichten (Klaus Heinrich)

Und damit greift er in ein Ritual ein, in dem zunächst nicht Rinder, sondern Menschen geopfert wurden, und nicht Hörner, sondern Schädel als kultische Symbole galten.

Von Menschenopfern der Lusitanier weiß Strabon (III,3,6) zu berichten:

Die Lusitanier sind auch Opferfreunde und beschauen die Eingeweide, ohne sie auszuschneiden. Dazu beschauen sie auch die Adern in der Brust und wahrsagen aus Betastung. Sie weissagen auch aus den Eingeweiden gefangener Menschen, die sie mit Mänteln verhüllen. Wenn dann die Eingeweide vom Opferschauer aufgeschnitten sind, so weissagen sie daraus, und zwar zuerst aus dem Niederfallen. Auch hauen sie den Gefangenen die rechte Hand ab und weihen sie.

(Ähnlich verfuhren die Druiden in Gallien. Die mit Menschenopfern verbundenen Weissagungen der Lusitaner haben sich bis zu westgotischen Zeit gehalten. Strabon berichtet auch von Menschenopfern zu Ehren des Mars bei Stämmen im Norden der Halbinsel. In Gades hat Cäsar 61 v. Chr. Menschenopfer verboten. Die aus dem 3. Jh. v. Chr. stammende Nekropole von Baelo, grauames Zeugnis von Ritualmorden, verrät phönizische Einflüsse.)

Die zivilisatorische Leistung des Heros bestand darin, das Totalopfer umzufunktionieren; das Opfer wird nicht abgeschafft, wie in Judentum und Christentum, sondern partikularisiert: die Rinder werden als Opfertiere zum Verzehr freigegeben. Durch Massenschlachtung auf großen Altären werden die Voraussetzungen für städtische Zivilisation geschaffen. Das ist die gattunsgeschichtliche Bedeutung und realgeschichtliche Funktion des mythischen Helden.

Sein Kult erscheint da, wo in Flusstälern die Zentren der Rinderzucht und des massenweisen Schlachtens von Rindern installiert werden. Und dort tauchen dann auch die Tempel der kuhäugig genannten Hera auf, die Heraien. Die Bremse, die den Heros jagt, der in seinem Namen den Namen der Hera trägt, stachelt ihn an, ihren Kult und damit die Großviehhaltung zu verbreiten. Götter sind wie Heroen immer Konfliktfiguren; und der Witz, die Ambivalenz, ist, dass der Held, der mit Hera auf Kriegsfuß gestanden hat, in ganz Europa einen um sie zentrierten Kult verbreitet.

Klaus Heinrich sieht in seiner aufklärenden Interpretation des Mythos und seiner kultischen Spuren deswegen in Herakles den Nachfahren des Titanen Prometheus. Herakles wagt es, die Rinder zu schlachten und von ihnen essen zu lassen.

Offensichtlich – so meine These – ist Herakles, der seinen Ruhm der kuhäugigen Hera, der Göttin des Rindviehs, verdankt, ihnr dient und sich ihr widersetzt, nicht der Heros, der sich damit begnügt, für die Unverletzbarkeit der Tiere an allen möglichen Orten zu sorgen (...), sondern derjenige, der die Zucht und Haltung von Rindern mit ihrer rituellen Schlachtung in der Weise verkoppelt, daß nun überall in der von Prometheus ersonnenen, diesem als Betrug angelasteten Form guten Gewissens geopfert werden kann: zu Ehren der Götter das nicht Genießbare, Knochen und Jus, verbrannt wird, zum Nutzen der Menschen mit dem Fleisch das Genießbare überigbleibt. (Klaus Heinricht: arbeiten mit herakles)

Der Held ist kein faschistischer Superheld, kein Athlet, sonder Arbeiter. Im Club der Götter hat er keinen Sitz. Anders als die patriarchalische Interpretation behauptet, ist er kein Agent des Zeus und Widersacher der Großen Göttinen. Am Ende wird er in den Kreis der Hesperiden aufgenommen. Denn nicht nur raubt Herakles die Äpfel der Hesperiden nicht für sich, sondern weist sie Eurystheus vor und händigt sie schließlich, das ist in der ikonographischen Tradition die Regel, Zeus aus. Doch vielleicht musste er in diesem paradiesischen Garten die Äpfel der Muttergöttinnen nicht einmal stehlen ...

Frauendiener (Kerényi) und zugleich Diener der Hera, der Götterkönigin, das war Herkales bei Omphale, er rettete Hesione vor dem Seeungeheuer, Alkestis vor dem Tod, Deianeira, die Tochter des Dexamenos vor den Kentauren.

Aber dieses europäische Rinderland hat auch seine finstere Seite - wird nicht Agamemnon vom Geliebten seiner Frau Klytaimnestra wie ein Stier abgeschlachtet? Als Stier und als Kuh, so hatte die von Agamemnon nach Argos verschleppte Kassandra das königliche Paar gesehen.

Zuletzt geändert am 02.09.2008 13:22:55 von K.P.

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